Firmendaten für KI-Training verkaufen: Wer kauft, was gefragt ist und wie es abläuft
Luca Weber-SchäferAktualisiert am 9 Min. Lesezeit
Das Wichtigste in Kürze
- KI-Unternehmen kaufen interne Firmendaten, um KI-Agenten an echten Arbeitsabläufen zu trainieren, etwa in simulierten Arbeitsumgebungen.
- Käufer sind KI-Labore, Datenanbieter wie Scale AI, Mercor, Handshake AI und micro1, Anbieter von Trainingsumgebungen und Unternehmen mit eigenen Modellen.
- Gefragt sind Bestände, in denen sich Vorgänge mit Entscheidungen und Ergebnis nachverfolgen lassen: E-Mail, Chat, Tickets, ERP, CRM, Prozessdokumente, Code.
- Käufer prüfen Rechte, Anonymisierung, Ausschlüsse und Vollständigkeit. Personalakten werden in der Regel ausgeschlossen.
- Bis ein Käufer feststeht, verlassen keine Daten das Unternehmen. Übergeben wird nur anonymisiert.
Der Markt für interne Unternehmensdaten ist 2026 sichtbar geworden. Das Register Who Sells Data zählt 13 Käufer, die auf ihren Websites konkrete Vergütungen für Firmendaten nennen, viele davon ab 100.000 US-$ je Unternehmen.[6] micro1 hat angekündigt, in zwölf Monaten 1 Mrd. US-$ für Unternehmensdaten auszugeben.[7] Dieser Beitrag erklärt, wer solche Daten kauft, wofür, und was Verkäufer vorbereiten sollten.
Warum kaufen KI-Unternehmen interne Firmendaten?
Um KI-Agenten an echten Arbeitsabläufen zu trainieren und zu testen. Öffentlich verfügbare Texte zeigen kaum, wie in Unternehmen tatsächlich gearbeitet, abgestimmt und entschieden wird.
KI-Labore entwickeln Agenten, die Büroaufgaben selbstständig erledigen sollen. Trainiert werden sie unter anderem in Reinforcement-Learning-Umgebungen, oft „Gyms“ genannt, in denen ein Agent Aufgaben übt und für gute Ergebnisse belohnt wird. Laut The Information hat Anthropic diskutiert, innerhalb eines Jahres über 1 Mrd. US-$ für solche Umgebungen auszugeben.[3] OpenAI hat laut Wired gemeinsam mit Handshake AI Auftragnehmer gebeten, echte Arbeitsergebnisse aus früheren Jobs hochzuladen.[5]
Dass Training mit echten Unternehmensdaten wirkt, zeigen veröffentlichte Fallstudien. Scale AI hat einen Agenten an Daten einer Versicherung trainiert: Der Anteil korrekt ausgeführter Datenbankabfragen stieg von 21,9 % beim besten Standardmodell auf 46,9 %. Bei einer Kanzlei sank der Anteil erfundener Antworten auf nicht beantwortbare Fragen von 49 % auf 21 %.[4] Ob echte Archive synthetischen Daten generell überlegen sind, hat allerdings noch kein Unternehmen vergleichend veröffentlicht.[1]
Wer kauft Unternehmensdaten?
Vier Gruppen: KI-Labore, spezialisierte Datenanbieter, Anbieter simulierter Arbeitsumgebungen und Unternehmen, die eigene Modelle trainieren.
- KI-Labore
Google, OpenAI, Anthropic[2][5][3]
Training und Test eigener Modelle und Agenten
- Datenanbieter
Scale AI, Mercor, Surge AI, Handshake AI, micro1[6][1]
Aufbereitung und Weitergabe an Labore
- Trainingsumgebungen
Spezialisierte Anbieter von RL-Umgebungen[1]
Simulierte Arbeitsplätze, in denen Agenten üben
- Unternehmen mit eigenen Modellen
Laut Bloomberg etwa die KI-Sparte von SpaceX[1]
Modelle für interne Prozesse
Die Datenanbieter sind die direkten Ansprechpartner für Verkäufer. Sie kaufen Bestände, bereiten sie auf und liefern sie an die Labore weiter. Viele haben eigene Ankaufprogramme, etwa Scale AI, Turing, Replay oder Mode.[6] Was diese Programme zahlen, zeigt der Beitrag Was ist ein Datenbestand wert?
Welche Daten sind gefragt?
Bestände, in denen sich ein Vorgang von der Anfrage bis zum Ergebnis nachverfolgen lässt, idealerweise über mehrere Systeme und viele Jahre.
micro1 sucht Arbeitsanweisungen, Wissensdatenbanken, CRM-Daten und Projekthistorien sowie Aufzeichnungen darüber, wie Teams Entscheidungen treffen.[8] Labelbox stuft systemübergreifende Daten aus Salesforce, Jira und Slack mit Zeitstempeln und Rollen als dringend gefragt ein, ebenso Supportverläufe über mindestens sechs Monate.[9] Turing interessiert sich ausdrücklich für die Abwägungen hinter Entscheidungen.[13]
| Datenart | Typischer Inhalt | Warum sie wertvoll ist |
|---|---|---|
| E-Mail und Teamchat | Abstimmungen, Reklamationen, Freigaben | Entscheidungen und Begründungen im Wortlaut |
| Tickets und Kundendienst | Anfrage, Lösungsweg, Ausgang | Klare Aufgabe mit überprüfbarem Ergebnis |
| ERP und Buchhaltung | Auftrag, Lieferung, Rechnung, Zahlung | Strukturierte Ergebnisse mit Zeitstempeln |
| Prozessdokumente | SOPs, QM-Handbuch, Freigaberegeln | Zeigen, wie Arbeit vorgesehen ist |
| CRM und Projekte | Angebote, Verhandlungen, Projektverläufe | Entscheidungsmuster über lange Zeiträume |
| Code und Entwicklung | Commits, Reviews, Fehlertickets | Aufgaben wie Fehlersuche mit prüfbarem Ergebnis |
Was prüfen Käufer vor dem Kauf?
Rechte, Anonymisierung, Ausschlüsse, Vollständigkeit und die Dokumentation für die eigene Regulierung.
| Prüfpunkt | Worum es geht | So handhaben es Käufer |
|---|---|---|
| Rechte | Darf der Verkäufer die Daten lizenzieren? | Mode prüft Eigentum und Zugriffsrechte, bevor es ein festes Angebot macht[11] |
| Anonymisierung | Sind Personen nicht mehr identifizierbar? | Scale AI anonymisiert innerhalb der Umgebung des Unternehmens, bevor Daten extrahiert werden[12]; Replay entfernt über 60 Kategorien personenbezogener Angaben[14] |
| Ausschlüsse | Personalakten und besonders sensible Daten | Bei Ooak Data werden Ausschlüsse dem Vertrag angehängt, bevor Daten bewegt werden[10] |
| Vollständigkeit | Bleiben Vorgänge über Systeme hinweg verknüpft? | Ooak ersetzt Namen in allen Quellen mit demselben Verzeichnis, damit Bezüge erhalten bleiben[10] |
| Dokumentation | Nachweise für die eigene Regulierung | Anbieter von KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck müssen seit 2. August 2025 eine Zusammenfassung ihrer Trainingsdaten veröffentlichen (Art. 53 Abs. 1 lit. d KI-Verordnung)[15] |
Wie läuft ein Verkauf ab?
Zuerst wird beschrieben, dann geprüft, erst danach verarbeitet. Daten verlassen das Unternehmen erst, wenn ein Käufer feststeht, und dann nur anonymisiert.
- 1EinschätzungFragebogen zu Systemen, Zeitraum, UmfangDaten bleiben im Haus
- 2DatenblattAnonyme Beschreibung für KäuferDaten bleiben im Haus
- 3KäufersucheGezielte Ansprache, Prüfung der KäuferDaten bleiben im Haus
- 4FreigabeVergütung vereinbaren, Käufer freigebenDaten bleiben im Haus
- 5AnonymisierungUnter AV-Vertrag, Probe unter NDANur anonymisiert
- 6ÜbergabeLizenz, Export, Löschung der ZuordnungNur anonymisiert
Bei den Käufern selbst geht es teils schnell: Ooak Data nennt zwei bis vier Wochen bei rund einer Stunde Aufwand für den Verkäufer, Turing prüft eine Stichprobe meist innerhalb einer Woche.[10][13] Was in der Insolvenz rechtlich zu beachten ist, steht im Beitrag Daten in der Insolvenz verwerten.
Welche Risiken gibt es, und wie lassen sie sich begrenzen?
Das größte Risiko sind Personenbezüge, die trotz Bereinigung erkennbar bleiben. Es lässt sich durch Ausschlüsse, mehrstufige Anonymisierung und vertragliche Verbote deutlich verringern.
Der US-Anwalt Greg Ewing nennt solche Bestände „legally radioactive“, weil E-Mails und Kalender private Details wie Arzttermine enthalten.[1] Wie ernst Beschäftigte das nehmen, zeigte der Verkauf der Daten von Spirit Airlines: Die Flugbegleitergewerkschaft legte Einspruch ein, weil erhaltene Verknüpfungen Rückschlüsse auf Einzelne erlauben könnten.[16]
Für Verkäufer folgen daraus vier Maßnahmen:
- Personalakten, Gesundheitsdaten und andere besondere Kategorien von vornherein ausschließen.
- Mehrstufig anonymisieren: feste Muster, Namen im Fließtext und indirekte Bezüge aus dem Kontext.
- Verarbeitung in Deutschland oder in der eigenen Infrastruktur, Zuordnungstabelle nach der Übergabe löschen.
- Re-Identifizierung im Lizenzvertrag verbieten und eine Stichprobenprüfung vorsehen.
Häufige Fragen
Wer kauft Unternehmensdaten für KI-Training?
KI-Labore wie Google, OpenAI und Anthropic, spezialisierte Datenanbieter wie Scale AI, Mercor, Surge AI, Handshake AI und micro1, Anbieter simulierter Arbeitsumgebungen sowie Unternehmen, die eigene Modelle trainieren. Sie nutzen die Daten vor allem, um KI-Agenten an echten Arbeitsabläufen zu trainieren und zu testen.
Werden die Daten anonymisiert, bevor der Käufer sie erhält?
Bei seriösen Käufern ja. Scale AI etwa anonymisiert nach eigenen Angaben innerhalb der Umgebung des Unternehmens, bevor Daten extrahiert werden; Replay entfernt über 60 Kategorien personenbezogener Angaben. In Deutschland ist eine wirksame Anonymisierung praktisch Voraussetzung, weil personenbezogene Daten sonst nur mit Einwilligung übermittelt werden dürften.
Muss das Unternehmen alle Rechte an den Daten abgeben?
Nein. Üblich ist eine Lizenz, die Nutzung, Umfang, Laufzeit und Exklusivität regelt. Ooak Data etwa lizenziert nur für Trainingszwecke, Ausschlüsse werden dem Vertrag angehängt. Exklusive Lizenzen erzielen höhere Preise.
Erfährt der Käufer, von welchem Unternehmen die Daten stammen?
Das lässt sich vertraglich ausschließen. Firmennamen, Domains und Personen werden bei der Anonymisierung entfernt, und der Lizenzvertrag verbietet Versuche der Re-Identifizierung.
Wie lange dauert ein Verkauf?
Ooak Data nennt zwei bis vier Wochen vom Erstgespräch bis zur Zahlung, Turing prüft eine Stichprobe meist innerhalb einer Woche. Muss ein Gericht oder ein Gremium zustimmen, dauert es entsprechend länger.
Quellen
- [1]MIT Technology Review (Matthew King): „AI labs are buying data from dead startups to train their models“, 13. Oktober 2026
- [2]Fortune (Wen Shao): „Google wants Spirit Airlines' data. Micro1 wants to pay more“, 14. September 2026
- [3]Epoch AI (Jean-Stanislas Denain, Chris Barber): „An FAQ on reinforcement learning environments“, 12. Januar 2026
- [4]Scale AI Labs: „Scaling Enterprise Agent Performance with Reinforcement Learning via Verifiable Feedback Loops“, 17. November 2025
- [5]TechCrunch (Anthony Ha), nach Wired: „OpenAI is reportedly asking contractors to upload real work from past jobs“, 10. Januar 2026
- [6]Who Sells Data (betrieben von Secludy AI): „Who's buying“, Stand 14.–16. Oktober 2026
- [7]The Next Web (Ana Maria Constantin): „micro1 commits $1bn to buy company data for training AI agents“, 9. Oktober 2026
- [8]micro1: „Monetize your company's operational data“, abgerufen am 20. Oktober 2026
- [9]Labelbox: „Prism: Data licensing“, abgerufen am 20. Oktober 2026
- [10]Ooak Data: „Partner with us“, abgerufen am 20. Oktober 2026
- [11]Mode: „Company data partnerships“, abgerufen am 20. Oktober 2026
- [12]Scale AI: „Data Partnerships“, abgerufen am 20. Oktober 2026
- [13]Turing: „Project Lazarus“, abgerufen am 20. Oktober 2026
- [14]Replay: „Value my data“, abgerufen am 20. Oktober 2026
- [15]EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung), Art. 53“
- [16]Reuters, via Investing.com: „US court delays hearing on Google's purchase of Spirit Airlines data as union objects“, 18. August 2026
Luca Weber-Schäfer
Gründer von European Trainingdata
Luca Weber-Schäfer begleitet die Verwertung und Lizenzierung von Unternehmensdaten aus Insolvenz, Sanierung und Unternehmensverkauf, von der ersten Einschätzung bis zur anonymisierten Übergabe an KI-Käufer.
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